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  • AutorenbildBozena Badura

Mein Lesemonat – April 2024


Im Monat April habe ich insgesamt 6 Romane gelesen.


Es waren:


  1. Eine Dystopie darüber, wie die Reichen in der Zukunft ihre DNA auf die Pflanzen ihrer Wahl für die Ewigkeit bzw. bis die Pflanzen eingehen speichern können.

  2. Ein Roman über Skip, die nach sieben Jahren auf See nach Amsterdam zurückkehrt, wieder kurz bei ihrer reichen Pflegefamilie wohnt, wo die Eltern ihre Probleme haben und der damals noch kleine Sohn zu einem erfolgreichen YouTuber wurde, wo sie sich verliebt, schwanger wird und dann wieder auf die See zurück flieht.

  3. Ein Roman über eine Hypochonderin, die mit ihrem Leben nicht klarkommt.

  4. Ein Buch über einen Mann in Midlifecrisis, der an einem See einen klischeehaften Kartoffelbauern trifft, der ihm hilft, sich auf die wichtigen Dinge, wie Familie, Gesundheit und das Glück des ruhigen Lebens, zu besinnen.

  5. Ein Roman über Issa, die schwanger wird und von ihrer Mutter nach Kamerun geschickt wird, um die nötigen Rituale über sich ergehen zu lassen, die in Kamerun jede Frau vor dem ersten Kind absolviert haben sollte.

  6. Ein Roman über zwei Schwestern, deren Mutter Deutsche und der Vater ein Kameruner ist, und von denen die eine versucht, ein gut bürgerliches Leben zu führen, und die andere sich über den in Deutschland herrschenden Rassismus aufregt.


„Phytopia Plus“ von Zara Zerbe (Verbrecher Verlag)


Zara Zerbes Debütroman „Phytopia Plus“ lässt eine Welt entstehen, in der die natürlichen Ressourcen zum begehrten Gut geworden sind und in der der Traum vom Leben nach dem Tod zum Geschäftsmodel eines Hamburger Biotech-Konzerns Drosera AG wird.

Im Zentrum der Handlung steht Aylin, eine junge Frau aus armen Verhältnissen mit einer Leidenschaft für Pflanzen. In ihrer Freizeit bessert sie ihr Einkommen mit dem Verkauf von Pflanzen auf dem Schwarzmarkt auf. Seit einiger Zeit arbeitet sie in einem der Treibhäuser des umstrittenen Unternehmens und versorgt Pflanzen, auf denen gegen eine Gebühr von 350.000 Euro menschliche DNA für die Ewigkeit gespeichert wird. Und seit sie Zugang zu den seltenen Pflanzen hat, die durch eine besonders schöne Maserung auffallen, lässt sie immer wieder Ableger mitgehen. Doch als ein unbekannter Schädling die Gewächshäuser befällt, gerät sie zunehmend ins Visier der Geschäftsleitung.

„Phytopia Plus“ ist mehr als nur eine düstere Zukunftsvision. Denn es thematisiert nicht nur den Klimawandel und die Manipulation des pflanzlichen Erbguts, sondern auch die sozialen Ungerechtigkeiten und die systemischen Machtstrukturen. Der Roman lotet die Grenzen der Wissenschaft aus und wirft ethische Fragen auf, ohne jedoch in eine explizite Diskussion einzutreten. Er ist gut strukturiert und überzeugt durch anhaltende Spannung, die nicht zuletzt durch die Krimielemente erzeugt wird. Sowohl die Protagonistin als auch die Nebenfiguren werden nuanciert dargestellt.

Insgesamt präsentiert Zara Zerbe mit ihrem Debüt einen inspirierenden Roman, der zum Nachdenken über komplexe Themen, wie soziale Ungleichheit, leitende moralische Prinzipien, die Weiterentwicklung der KI und ihr Einfluss auf die Gesellschaft oder über den Wunsch nach ewigem Leben anregt. „Phytopia Plus“ ist ein fesselnder und tiefgründiger Roman, der jedoch trotz der Schwere mancher der behandelten Themen nichts von einer erzählerischen Leichtigkeit eingebüßt hat.


„Zuhause ist ein großes Wort“ von Nina Polak (Aus dem Niederländischen von Stefanie Ochel, mare Verlag)


Dass das Wort „Zuhause“ viel bedeuten kann, ist für alle klar. Doch nicht für alle bedeutet ein Zuhause auch gleich viel. Für die 30-jährige Skip, die ihre letzten sieben Jahre damit verbracht hat, Yachten reicher Menschen in warme Regionen zu überführen, bedeutet es sogar sehr wenig. Zumindest in der konventionellen Bedeutung als die sprichwörtlichen eigenen vier Wände. Denn für Skip ist „Zuhause“ eher mit einem landlosen Horizont gleichzusetzen, mit einem Schaukeln der Wellen, mit dem salzigen Meeresgeruch.

Dennoch entscheidet sie sich, nach Amsterdam zurückzukehren, nachdem sie ihre frühere Pflegefamilie zufällig in einem der Häfen Südeuropas trifft.

Nun ist sie wieder da. Bezieht das Gartenhaus der Familie, trifft die alten Freunde, ihre alte Liebe, verbringt viel Zeit mit dem Sohn der Pflegefamilie, der nun fast erwachsen und zu einem erfolgreichen YouTuber mutiert ist, und erinnert sich an ihre verstorbene Mutter und die unglückliche Kindheit.

An dem Roman hat es mir sehr gefallen, dass er unaufgeregt viele sehr unterschiedliche Themen anspricht, dabei jedoch nicht überfrachtet wirkt. Am Beispiel der reichen Familie und der armen Skip werden Klassenunterschiede der modernen Gesellschaft verbildlicht sowie die unterschiedlichen Sichtweisen, Probleme und vor allem Möglichkeiten, nicht nur für die Elterngeneration, sondern insbesondere für die Entwicklung der Kinder. Dabei fühlt sich Skip unwohl, auf die finanzielle Unterstützung angewiesen zu sein. An dieser Stelle kam es mir vor, als wäre der Roman eben von einer untergebenen Position geschrieben. Ich bin mir nicht sicher, ob dies tatsächlich in dem Text auch objektiv rauszuhören ist, aber ich nehme darin eine leise Anklage den Reichen gegenüber wahr.

Interessant fand ich auch, dass der Roman auch als eine Art Einführung in die digitale Welt für die älteren Semester unter den Lesenden sein könnte, da er auf eine sehr behutsame Art und Weise das Funktionieren der medialen Welt nahebringt. Da sich Skip nämlich viele Jahre hauptsächlich auf See befand, hatte sie den Sprung zum Smartphone mit seinen vielseitigen Möglichkeiten verpasst. So hilft ihr der Sohn der Familie sich da einzuarbeiten und erklärt ihr ein wenig darüber, wie seine digitale Welt funktioniert.

Kaum ein Roman kommt ohne eine Liebesgeschichte aus. Auch dieser Roman ist hier keine Ausnahme, denn Skip trifft erneut seine frühere Liebe, die nun in einer festen Beziehung lebt. Doch Skip ist an keiner festen Beziehung interessiert. Auch wenn diese das Potential für eine perfekte Liebesgeschichte hat.

Als die Pflegefamilie ihr Gartenzimmer für die demente Großmutter braucht, entflieht sie zurück aufs Meer.

Es gibt in diesem Roman kein Happy End, keine Auflösung der Probleme, keine Aussicht auf Besserung. In der Wirklichkeit ist die Figur am Ende des Romans genau da, wo sie am Anfang des Romans war, nur unglücklicher. Und alles eigentlich nur, weil sie ihr Leben nicht in die „normalen“ Bahnen rücken wollte. Ja. Man könnte behaupten, dass ein „normales“ Leben nicht für jeden etwas Begehrenswertes ist. Doch die kurzen Augenblicke, in denen sie einen Hauch der Normalität zulässt, empfindet sie als glücklich. Umso unglücklicher hat mich als Leserin ihre Entscheidung gemacht, wohl aus Angst vor Abweisung, jede, auch die fragilste, Verbindung zu dieser Welt abzureißen und erneut zu verschwinden.  


„Im Orbit“ von Elena Winter (müry salzmann verlag)


Im Klappentext findet man zu diesem Roman folgende Beschreibung: „Leonie ist 23 und fühlt sich fremd in ihrem Körper, beobachtet ihn wie ein Forschungsobjekt. Eines Tages zeigt er besonders irritierende Symptome, und Leonies Leben gerät durcheinander: Sie verliebt sich.“

Leider war dieser Roman für mich eine Enttäuschung, denn für mich war es ein Roman über eine Figur, die hypochondrisch verschiedene Chats nach allen möglichen Symptomen durchsucht. Bereits während der Lektüre habe ich versucht zu erforschen, warum mir dieser Roman nicht zusagt.

Nach langem Überlegen stellte ich fest, dass mir in erster Linie die Entwicklung der Protagonistin fehlt. Sie scheint mir am Ende des Romans unverändert zu bleiben. Hinzu kommt, dass die Protagonistin so viele kleine Höhen und Tiefen erlebt, wobei sich der Roman hauptsächlich auf die wiederkehrenden Tiefen konzentriert, sodass die Handlung einem schnell monoton vorkommt. Der angekündigte Moment der Veränderung wird in dem Roman nicht sichtbar genug. Darüber hinaus schafft es der Roman, zumindest in meinen Augen, nicht, aus dem individuellen Schicksal der Figur etwas Allgemeineres zu schaffen. So fehlt also eine gewisse Dringlichkeit, die die dargestellte Geschichte und somit die Lektüre des Romans für die Lesenden relevant macht.

Vielleicht liegt mein Missfallen aber auch daran, dass ich mich mit der Hauptfigur nicht identifizieren kann. Die Befindlichkeiten, die in dem Roman ausführlich beschrieben werden, sind mir aus meinem Leben in diesem Ausmaß nicht bekannt. So kann ich weder den Mehrwert schätzen, der sich aus dem Thematisieren ergibt, noch die Dringlichkeit nachvollziehen.

Aus diesem Grund blicke ich auf diesen Roman ausschließlich aus der literarischen Perspektive. Und davon bekomme ich in diesem Buch leider zu wenig.

Doch das Schöne an der Literatur ist, dass nicht jeder Roman jeder/m gefallen muss. Denn auch Bücher, die mir persönlich nicht zusagen, können bei einem anderen Menschen augenöffnend und lebensverändernd wirken. Ich bin daher überzeugt, dass auch dieser Roman ihre Leser*innen finden wird.


„Weiße Wolken“ von Yandé Seck (Kiepenheuer & Witsch Verlag)


Der Titel des Debütromans „Weiße Wolken“ von Yandé Seck mag den Anschein erwecken, es handle sich hierbei um eine leichte Sommerlektüre. Doch schnell wird klar, dass sich hinter diesem Titel eine komplexe und gesellschaftlich hochrelevante Geschichte verbirgt. Im Fokus des Romans stehen die Schwestern Dieo und Zazie, deren Mutter eine weiße Deutsche und der Vater ein senegalischer Einwanderer sind. Während die viel ältere Dieo, Mutter von drei Kindern, versucht, das Ideal der bürgerlichen Familie zu leben und gleichzeitig ihre Ausbildung als Psychotherapeutin voranzutreiben, ist Zazie eine junge Rebellin und eine Rassismusaktivistin mit einem stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.

Die Handlung des Romans wird aus drei Perspektiven erzählt, von Dieo, Zazie und Simon, Dieos Ehemann. Jede Perspektive trägt auf ihre Weise zur Entwicklung der Geschichte bei. Dieo reflektiert analytisch über ihre familiäre Situation und ihre Beziehung zu ihren Eltern, währen Simon sich auf den privaten und beruflichen Alltag sowie auf die Unterstützung des Familienlebens konzentriert. Zazie hingegen thematisiert in ihren Passagen verschiedene Formen von Diskriminierung und setzt dabei häufig auf eine jugendliche Sprache, die den Text lebendig macht.

Dieses Romandebüt ist in drei Kapitel unterteilt, die jeweils wichtige Lebensabschnitte der Familie flankieren. Im ersten Kapitel werden zunächst die familiäre Vorgeschichte vorgestellt und die schwierigen Beziehungen der Figuren untereinander thematisiert. Der zweite Teil des Romans ist durch den unerwarteten Tod des Vaters bestimmt, der nicht nur eine Zäsur im Leben aller Figuren darstellt, sondern gar einen Wendepunkt, an dem alles neu justiert wird. Der Neuanfang wird im dritten Teil des Romans durch die Geburt der neuen Generation und Zazies Berufswechsel markiert.

„Weiße Wolken“, was sich auf die weißen Flecken auf den Fingernägeln bezieht, „sind die Überbleibsel von kleinem Verletzungen der Nagelstruktur.“ (S. 97). So hinterlassen auch täglich erfahrene Akte von Diskriminierung ihre Narben. Der Roman thematisiert dabei nicht nur den offenen und versteckten Rassismus, sondern auch Machtstrukturen, die Rollenverteilung innerhalb der Gesellschaft, die Projektionen, die gesellschaftlich weitergereicht und verbreitet werden, sowie das Zusammenwirken von Unterdrückungsmechanismen aller Art. Dabei gelingt es Seck, diese Themen auf eine ästhetisch ansprechende und bildhafte Weise zu präsentieren, ohne in bloße Anklagen zu verfallen. Stattdessen begegnet sie den Problemen mit Nüchternheit und Sachlichkeit, verpackt in fesselnde fiktionale Literatur.

Manchmal ist es nicht einfach, den Standpunkt der Gegenüber zu verstehen, weil uns entsprechende Referenzerfahrungen fehlen. „Weiße Wolken“ von Yandé Seck ist jedoch ein gutes Beispiel dafür, dass gute Literatur es den Leser*innen ermöglich, sich in unbekannte Schicksale hineinzuversetzen und durch die Identifikation mit den Figuren diese gar nachzuerleben und somit die Grenzen zwischen den Menschen und Kulturen überwinden. Dieser Roman ist ein beeindruckendes Beispiel dafür wie Literatur Brücken bauen und das Verständnis zwischen verschiedenen Lebenswelten fördern kann.


„25 letzte Sommer“ von Stephan Schäfer (park x ullstein)


Dieses Buch hat bei mir gemischte Gefühle hervorgerufen. Die Handlung des Romans besteht darin, dass der Protagonist – gut situierter Mann mittleren Alters – übers Wochenende in sein Landhaus fährt und dort zufällig einen Bauern trifft, der ihn davon überzeugt, dass man jeden Moment leben und schätzen lernen sollte.

Auch wenn ich hinter dem Thema und den Überzeugungen des Romans stehe, muss ich an diesem Buch Einiges aussetzen. Was ich eigentlich schade finde, denn es gibt viel zu wenige Romane, die das Leben bejahen.

Dennoch: Ich finde die Handlung des Romans zu schnell. Alles passiert an einem Wochenende. Der Protagonist trifft den Bauern am Samstagmorgen und verbringt mit ihm direkt den ganzen Tag, isst bei ihm zu Mittag, macht das Mittagsschläfchen in seinem Sessel und bleibt bis zum Abendbrot, und kehrt am Sonntagmorgen direkt mit einer Tüte voller Frühstücksbrötchen wieder zurück. Die Handlung ist auf das Wesentliche gekürzt. An sich ist es eine gute Erscheinung, denn wir haben viel zu viele Romane, die viel zu lang sind. Doch wenn man alles zu kurz gestaltet, kommt die Gefahr, dass vieles nicht mehr nachvollziehbar scheint, weil eben kein Raum geboten wird, dafür, dass sich die Ideen und die Handlung entwickeln. So kommt es mir an vielen Stellen vor, als wäre die erzählte Geschichte keine natürliche Entwicklung, sondern wirklich eine durch die Feder eines Menschen bewusst anordnete Geschichte. Dabei sollten auch strategisch geplante Zufälle in den Büchern natürlich rüberkommen. Eben diese Natürlichkeit des Zufalls fehlt in diesem Roman. Ich glaube, dass man hier zwischen den Ereignissen mehr Platz für die Storyentwicklung hätte lassen müssen.

So ist das Pacing – also das Tempo bzw. die Geschwindigkeit des Erzählens – hier (für meinen Geschmack) eindeutig zu schnell, was auch damit resultiert, dass es zu wenig Erzählzeit für die Figurenentwicklung und die Atmosphäre gibt. So wirken die Figuren, insbesondere die Figur des Bauern, klischeehaft und leblos. Dieser Roman ist daher ein Beispiel für „Telling“ und weniger für „Showing“. Zudem versucht der Roman so stark gegen Vorurteile gegenüber der angeblichen Dummheit der Kartoffelbauern vorzugehen, dass er selbst zu einem ungehobelten Holzklotz wird, statt zu einem richtig guten Stück Literatur. Auch wenn das Potential in dem Roman auf jeden Fall gegeben ist und ich das Buch dennoch mit Freude gelesen habe.

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