• Bozena Anna Badura

[Literaturpreis] „Archipel“ von Inger-Maria Mahlke – das Gewinnerbuch des Deutschen Buchpreises 2018

Aktualisiert: 22. Aug 2019

Am 20.08.19 wurde die Longlist der nominierten Romane zum Deutschen Buchpreis 2019 bekanntgegeben. Doch bevor das neue Preisträgerbuch gekürt wird, möchte ich auf den Gewinnerroman von 2018 zurückkommen – ein gesellschaftlich relevantes Buch über Geschlechterrollen, Kolonisationsgeschichte, Klassenunterschiede, also ein Buch, das aktuelle Diskurse behandelt und eines, das überrascht.


Trotz ihres relativ jungen Alters ist Inger-Maria Mahlke eine bereits mehrfach ausgezeichnete Autorin, darunter befinden sich einige Prestige-Preise wie Open Mike, Klaus-Michel-Kühne-Preis (Silberfischchen, Aufbau Verlag 2010), der Ernst-Willner-Preis bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt (Romanauszug aus Rechnung offen, Berlin Verlag 2012) sowie ein Platz auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2015 (Wie ihr wollt, Berlin Verlag 2015). War der Deutsche Buchpreis 2018 für Archipel (Rowohlt, 2018) daher nur eine „natürliche“ Folge der vorangegangenen Preise (Matthäus-Effekt), oder ist der Roman tatsächlich preiswert?


Hier ist die Begründung der Jury nachzulesen.


Der Roman ist eine rückwärts erzählte Familiensaga (von heute bis hin zu den ersten Vorfahren auf Teneriffa), und im engeren Sinne eine Geschichte der Geschlechterrollen. Zunächst begegnen wir dem Spross der Familie, Rosa: eine Kunststudentin, die ihr Studium auf dem Festland aufgrund einer Schaffenskrise abbricht und zu ihren Eltern (Ana und Felipe Bernadotte) auf Teneriffa zurückkehrt. Rosa ist eine (typische?) Vertreterin der jungen Generation: Instagram, Markenkleidung und wenig Ahnung vom Ernst des Lebens. Im Laufe der Handlung taucht der Leser immer tiefer in die Geschichte der einst sehr einflussreichen Familie ein, erfährt von den Erfolgen und dem Scheitern der früheren Generationen sowie von den Feministinnen der Familie. Denn Rosa werden ihre weiblichen Vorfahren gegenübergestellt, die von dem heutigen Leben in der Öffentlichkeit (Rosas Mutter – Ana – ist sogar in der Politik tätig, die lange Zeit als die Männerdomäne betrachtet wurde) immer weiter in das Private gedrängt werden. Die frühere Beschränkung der Rolle der Frau auf die Gebärende von zukünftigen Generationen wird ästhetisch sogar durch ihren Tod veranschaulicht. So existiert die Ururgroßmutter von Rosa nur als die verstorbene Mutter von Ada Moor, und ihre Aufgabe ist damit erledigt.


Während die Frauen im Laufe der Zeit an Bedeutung gewinnen und immer stärker werden, verlieren die in dieser Geschichte dargestellten Männer an ihrer ursprünglichen Macht: Sie erfahren eine Transformation von einem General und erfolgreichem Unternehmer (Rosas Urgroßväter) zum gescheiterten Intellektuellen, der beschließt Kartoffelbauer zu werden und als zielloser Trinker endet (Rosas Vater – Felipe). Daher überrascht wohl auch nicht, dass Rosa keinen Freund hat, sondern als eine alleinstehende junge Frau dargestellt wird, die keinen Mann mehr braucht. Dass die Männer zu „verweichlicht“ geworden sind, veranschaulicht auch der Tod von Jose Antonio, dem Offiziersanwärter, der für den harten militärischen Dienst nicht mehr geeignet ist.


Archipel ist außerdem ein Roman über die Klassenunterschiede, denn es wird abwechselnd die Geschichte der reichen Familie Bernadotte und die Geschichten ihrer Bediensteten erzählt. Weitere behandelte Themen dieses Romans sind die Kolonisations- und Wirtschaftsgeschichte von Teneriffa: Vor diesem historischen Hintergrund wird der Untergang der früher sehr reichen und mächtigen Familie Rosas entwickelt. Die Entscheidung darüber, ob der fortschreitende wirtschaftliche Verfall der Familie mit der zunehmenden Macht der Frauen in Korrelation zu bringen ist, sei dem Leser zu überlassen.

Erwähnenswert ist zudem der sprachliche Aspekt dieses Textes, denn die Autorin schreibt ihren Roman nicht nur mit den Buchstaben, sondern auch zwischen den Zeilen. Es ist keine direkte Erzählweise, was bedeutet, dass einiges nur angedeutet wird. Dies erhöht die Lust am Lesen, bringt aber auch die Gefahr, dass Manches nicht verstanden oder missverstanden wird. So wird zum Beispiel nicht direkt gesagt, dass Marche schwanger ist, sondern nur angedeutet:


„Mit Bauch darf man nicht raus, erst wenn er weg ist. Die Torflügel öffnen sich nach innen, jeden Morgen um sechs Uhr dreißig. Seit zwei Jahren geht Merche zwischen ihnen durch, abends um acht wieder zurück. Mit niemandem reden, niemandem winken, eine Nonne vorne, eine hinten, dazwischen zwanzig Mädchen in Zweierreihen mit grauen Kitteln und sandfarbenen Strohhüten. […] Seit Merche wieder rauskann, ist es besser.“ (S. 324f.)

Ein unwesentlicher Kritikpunkt ist die Komposition des Textes, denn das Lesen rückwärts erfordert viel Aufmerksamkeit. Dass dazu noch die jeweiligen Szenen durcheinander sind, erschwert ein wenig den Leseprozess. Dennoch ist das Buch, schon wegen der Darstellung der Geschlechterrollen, lesens- und empfehlenswert.


Doch was ist die Aussage des Romans und welchen Einfluss auf die Leseerfahrung hat der Umstand, dass der Rezipient im Leseprozess mit immer mehr Einschränkungen für die Frauen konfrontiert wird? Erinnert sich der Leser dann noch daran, dass zu Beginn des Romans die jüngste Frau der Familie – Rosa – alle Freiheiten der Welt genießt, oder entwickelt er eine Überzeugung, die Frauen wären nach wie vor durch die Männer unterdrückt?


Die Gegenwart ist für die Frauen (im Vergleich zu der Situation der früheren Generationen) rosig. Denn das weibliche Geschlecht hat es mittlerweile weit gebracht. Frauen haben gleiche Chancen wie Männer. Doch Rosa – als Repräsentantin der jüngsten Generation – ist womöglich dabei, ihre Talente und Möglichkeiten zu vergeuden, vielleicht, weil sie es vergessen hat, welche Opfer dafür die früheren Generationen bringen mussten.


[Inger-Maria Mahlke - Archipel

Rowohlt Verlag

432 Seiten, gebunden, 2018, 20,00 €]

39 Ansichten

© 2019 by Literaturwelten. Proudly created with Wix.com